Schmerzen und die Auswirkungen auf Verhalten

Frekjas erste Behandlung

Ich bin Svea und momentan die Praktikantin auf Hof Steigerwald.

Meine Frekja ist eine Islandstute und 14 Jahre jung, ich habe sie seit April 2020. Sie hat einen spritzigen Charakter und neigte oft zu überschießenden Reaktionen. Vieles wurde auf Frekjas Temperament geschoben- und damit erklärt und entschuldigt. Auch ich habe mir nie viel dabei gedacht. Als ich dann anfing, mit ihr hier bei Nina zu trainieren und sie in die Herde eingewöhnt wurde, war das „Überschießen“ schon auffällig und wir haben überlegt, woran es liegen könnte. Über eine Bachblütentherapie haben wir versucht, Frekja mehr ins Gleichgewicht zu bekommen und auch über das Training wurde es schon besser. Aber irgendwie lag da eine Daueranspannung in meinem Pferd, die für mich einfach normal war. Das war Frekja. Ein explosives Pferd. Körperliche Ursachen hierfür kamen mir nicht in den Sinn.
Bei der Vorbesitzerin wurden jährlich die Zähne gemacht. Außer ein paar Kanten wurde nie etwas entdeckt. Letztes Jahr war an ihrem geplanten Zahnkontrolltermin die Abfahrt nach Hof Steigerwald. „Kein Problem“, dachte ich. „Die letzten Jahre wurde nie etwas entdeckt, dann ist es schon okay, wenn die Kontrolle diesmal nach 1,5 Jahren und nicht wie sonst nach einem ist.“
Im Mai kam Rebecca Pflug zum Zahntermin. Ich war ganz aufgeregt, weil ich so was noch nie gemacht oder gesehen habe und ich auch noch nie ein sediertes Pferd erlebt habe. Aber Rebecca war toll und hat dann leider etwas Schlimmes bei meinem Pferd entdeckt: Der obere erste, rechte Backenzahn war einmal quergespalten. Ein gebrochener Zahn im Kiefer meines Pferdes! Das war schon der erste kleine Schockmoment. Eine mögliche Ursache: Der erste untere Backenzahn auf beiden Seiten war zu lang und hatte dadurch zu viel Druck auf den oberen ausgeübt. Auf der linken Seite war es nicht sicher, ob der erste obere Backenzahn auch gebrochen ist, oder es nur ein Wolfszahn ist, der sich komisch platziert hat. Auf jeden Fall war klar: Der gebrochene Zahn muss raus.

Ja, was nun? Da mein Pferd nicht gut auf einen Hänger geht, wollte ich mit ihr zurück nach Hamburg wandern. Der Trip war für Ende Mai/Anfang Juni geplant. Ein Zahn muss gezogen werden, die meisten Pferde stecken das gut weg, also kann man das vielleicht verbinden? Auf dem Weg nach Hause einmal Zwischenstopp in der Klinik Ottersberg, Pause machen und weiter geht’s. So der Plan. Ein verrückter Plan, aber ich bin noch jung und mache solche Pläne zum Glück noch gerne.

Am 1. Juni war die OP. Wir kamen am dritten Tag unserer Reise in der Klinik an und mein Pferd wurde direkt sediert, da sie sich in dem Behandlungsraum nicht wohl gefühlt hat und ohne Sedierung die erste Begutachtung der Zähne gar nicht möglich gewesen wäre.
Schnell kam raus: Beide Zähne sind wirklich gebrochen. Der andere vermeidliche Wolfszahn war ein Teil des in drei Teile zerbrochenen Backenzahnes. Nach dem Röntgen dann die nächste Überraschung: Auf der rechten Seite befand sich über dem gebrochenen Zahn ein Granulom. Diese knotenförmige, entzündliche Zellansammlung war laut der Tierärzte schon seit ca. 2 Jahren am Wachsen. Eine so lange Zeit war ein schlimmer Prozess im Maul meines Pferdes zugange, der die zwei Zähne instabil gemacht hat, die Wurzeln aufgelöst hat und mein Pferd muss seit mindestens einem Jahr mehr oder weniger starke Schmerzen gehabt haben. Die OP wurde auf 1,5 Stunden angesetzt.

Ich durfte leider währenddessen nicht dabei sein. Ich war völlig fertig und habe uns schon mal einen Abholservice organisiert, denn Weiterwandern war nicht mehr möglich. Um Punkt 12 Uhr stand ich vor dem Behandlungsraum, der Hänger war schon da und ich bin meiner Gastgeberin Ulrike immer noch wahnsinnig dankbar für ihre Unterstützung und wie lieb Frekja und ich aufgenommen wurden. Zu zweit saßen wir also vor dem Behandlungsraum, aber es kam immer noch kein Arzt raus.
Um 12:15 dann wurde mir erklärt, dass die OP noch etwas dauern wird. Das Granulom hatte sich nach hinten geschoben, noch wurde versucht, es zu entfernen. Kurz danach hörte ich einen Ruf nach Hilfe aus dem Raum, wusste selbst aber nicht, was los war. Furchtbar! Um ca. 12:45 wurde im Raum gejubelt, um 13 Uhr konnte ich endlich zu meinem Pferd rein. Die OP hat insgesamt 2,5 Stunden gedauert, am Ende waren 5 Leute dabei und haben durch die Nase und den Kiefer probiert, das Granulom zu entfernen. Mit Erfolg!

Sie bekam für 7 Tage ein Antibiotikum und für ca. 4 Tage Schmerzmittel. Donnerstag wurde die Nachuntersuchung gemacht und der Tupfer gewechselt. Nina und Mario haben uns mit Pony Amadeus abgeholt, damit sie nicht alleine auf dem verhassten Anhänger stehen muss. Schon beim Abholen ist Nina der entspannte Gesichtsausdruck von Frekja aufgefallen. Am zweiten Tag ohne Schmerzmittel war ich schon völlig panisch, dass sie vielleicht doch noch Schmerzen hat, weil sie insgesamt so ungewohnt ruhig war. Als ich sie dann zum ersten Mal mit Braunchen habe kraulen sehen, wurde mir jedoch klar, dass sie wahrscheinlich das erste Mal seit geraumer Zeit keine Schmerzen mehr hat.

Frekja hat seit der OP einen viel weicheren Gesichtsausdruck und wirkt auch sonst viel entspannter. Ich bin so froh und erleichtert, dass Rebecca diese Zähne gesehen hat und mich an die Ottersberger Klinik weitergeleitet hat. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt und Frekjas Wunden heilen supergut.

Mir ist durch diese Geschichte bewusst geworden, wie wichtig eine jährliche und gründliche Kontrolle ist. Die Zähne beeinflussen so viel und manchmal kriegt man es als Besitzer leider nicht mit. Frekja hat immer mitgearbeitet, sie war motiviert, sie hat gefressen. Ihr hat scheinbar nichts gefehlt. Da war eben diese Grundanspannung, die einfach dazu gehört hat, aber der Unterschied zu jetzt ist enorm.

Bitte, bitte, bitte lasst eure Pferde regelmäßig untersuchen!
So etwas wünsche ich keinem Pferd. Wenn ich die Zähne ernster genommen hätte, hätte ich Frekja vielleicht schon viel eher von den Schmerzen befreien können.
Jetzt steht Medical Training für Maul und Zähne weit oben auf meiner Liste an Dingen, die ich trainieren möchte. Zum Glück hat Nina alle Schritte rund ums Zahntraining in ihrem neuen Buch „Medical Training für Pferde“ und im Themenwebinar „Zahntraining“ beschrieben. Denn zusätzlich zu den gebrochenen Zähnen, hat sie auch Karies an zwei Zähnen und Zahnfleischrückbildung an den Vorderzähnen. Ach ja, das Leben mit Pferd wird nicht langweilig.

Hast du bei der Zahnkontrolle auch schon einmal eine schlimme Überraschung erlebt?

Steigerwald.T Silvester-Challenge

Steigerwald.T Silvester-Challenge

Die Steigerwald.T Silvester-Challenge
Seit nun fast vier Wochen machen Menschen in der Gegenwart ihrer Pferde lustige, seltsame und gruselige Geräusche. Dabei ziehen sie oft ungläubiges Kopfschütteln oder gar Kritik auf sich. Ich möchte hier noch einmal näher erläutern, was es mit dieser Challenge auf sich hat.
In der Lerntheorie beschreibt man das Phänomen der Generalisierung damit, dass bedingte Reflexe und Verhalten nicht nur auf den ursprünglichen, die Reaktion auslösenden Reiz entstehen, sondern auch durch Auslöser, die diesem ähnlich sind. Umgangssprachlich können wir es auch Verallgemeinerung nennen. Der Pawlowsche Hund beginnt z.B. auch zu speicheln, wenn der Ton der Glocke einen anderen Frequenzbereich aufweist.
Um unsere Tiere auf Silvester vorzubereiten, können wir also mit vielerlei Geräuschen, Gerüchen und visuellen Reizen arbeiten, damit sie an dem kritischen Abend -in manchen Gegenden schon Tage vorher- beim Feuerwerk entspannter bleiben. Wenn Pferde Stress haben, wenn es böllert und wir nicht wochenlag zu Trainingszwecken Raketen zünden wollen, hilft uns und ihnen die Generalisierung bei der Bewältigung dieser Aufgabe.
Kuhglocken, Hundegekläff, Werkzeuge aller Art (Föhn, Akkuschrauber, Flex, Schweißgerät, Kompressor, Kreissäge, Stichsäge, Mixer, Pürierstab, Bohrhammer, etc.), Verbrennungsmaschinen (Auto, Trecker, Radlader, Bobcat, Hoflader, Mofa, Motorrad, Erntefahrzeuge), die menschliche Stimme oder Instrumente sind mögliche akustische Reize, die wir im Training einsetzen können.
Optische Reize wirken im Dunkeln stärker auf Fluchttiere als im Hellen und auch der Faktor Geruch/Rauch ist ein Element, dem wir uns schrittweise im Training annähern können.

Praktisch angewandt kann es dann folgendermaßen aussehen: „Behavior is driven by its consequences“- Verhalten wird über seine Konsequenzen gesteuert. Verhält sich mein Tier ruhig bei der Präsentation des entsprechenden Reizes, ist die Konsequenz dieses Verhaltens etwas Angenehmes. Reiz – stehen bleiben – Click+Futter. So verknüpft es den eigentlich aversiven Reiz mit einer leckeren Angelegenheit. Wie kommen wir aber dorthin, dass dieser Reiz mit Stillstehen beantwortet wird? Indem wir uns von einer Wohlfühldistanz aus immer näher herantasten. Ein quietschender Luftballon direkt neben den Ohren wird bei vielen Pferden zum Weggehen oder gar -laufen führen, in fünf Metern Entfernung hingegen noch gut aushaltbar sein. Quietsch-steh-click-Futter-einen Schritt näher- quietsch-steh-click-Futter-einen Schritt näher- quietsch-steh-click-Futter-einen Schritt näher-usw. Irgendwann kommt dann der Punkt, an dem mein Pferd den Kopf stark hochnimmt, die Augen sehr weitet oder schnaubt. An dieser Position wiederhole ich den Reiz, bis mein Pferd wieder ein ruhiges Verhalten zeigen kann. Im Idealfall fängt es beim Wahrnehmen des Geräusches schon an zu brummeln und teilt uns dadurch mit, dass der Reiz so positiv verknüpft ist, dass er freudige Erwartung auslöst.
Distanz, Reizintensität, Richtung und Vorhersehbarkeit sind die Schlüssel, mit denen wir Zugang zum Pferd bekommen und es dort abholen, wo es noch recht entspannt sein kann. Das ist wichtig, weil wir nur so die Ruhe verstärken können, die wir schlussendlich Silvester brauchen. Findet also den richtigen Reiz, um euer Pferd abzuholen und verstärkt jede erwünschte Reaktion auf Geräusch, Geflatter oder Leuchten.
Nicht umsonst ist in der Psychotherapie die Verhaltenstherapie ein gerne und häufig genutztes Mittel, um Phobien zu bearbeiten. Manch ein Pferd hat vielleicht keine „echte“ Phobie, aber ich sehe es als meine Aufgabe an, auch den Kandidaten, die „nur“ mit aufgerissenen Augen herumlaufen und sich nicht an ihr Heu wagen, einen entspannteren Jahreswechsel zu bescheren.
In unserer Facebook-Gruppe „Horse-Agility und Clickertraining“ findet ihr viele kreative Beispiele der Teilnehmerinnen der Challenge. Natürlich bin ich auch mit Wolfgang dabei, der inzwischen deutlich entspannter ist.
Am Dienstag, den 17.12. bekommt Ihr um 19 Uhr in einem kostenlosen Webinar einen ausführlichen Überblick über die Trainingswege und auftretende Besonderheiten.

Unter diesem Link könnt ihr euch anmelden: Anmeldung zum Webinar